Schulgebäude im Frühling

Um den Kindern die Gewöhnung an den Schulrythmus zu erleichtern beginnt der Schulalltag mit den Hauptunterrichtsstunden von 8.00 bis 10.00 Uhr. Dieser wird ausschließlich von der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer gestaltet. Die Kinder werden von der ersten bis zur achten Klasse von derselben Lehrerin, demselben Lehrer begleitet.

 

Dem Erlernen von Gewohnheiten wird in dieser ersten Zeit besondere Wichtigkeit beigemessen. Täglich werden Reime, Lieder und Gedichte eingeübt und wiederholt sowie grundlegende Arbeitsgewohnheiten veranlagt.

 

Hauptunterricht
Der Hauptunterricht besteht im ersten Schuljahr primär aus dem bildhaften Erlernen von Buchstaben und Zahlen. Bildhaft deshalb, weil es dem Kinde wesensgemäß ist, seine Umwelt in Bildern wahrzunehmen. Buchstaben und Zahlen sind für das Kind die erste Begegnung mit der abstrakten Welt. Ihm diese nüchterne, trockene Welt seinem Wesen gemäß nahe zu bringen, bedeutet, "bildend" in der Vorstellungskraft und im Gefühlsleben des Kindes zu wirken.

 

Dem bildhaften Kennenlernen der Zahlen folgt der Umgang mit dem Lernen der Zahlen. Hier gilt, das Abstrakte ins Tun umzusetzen und das Tun ins Denken hinaufzuheben. Eins ist die größte Zahl, da sie die Einheit bildet, den Ursprung. Aus dem Ganzen entstehen die Teile. Mit einfachsten Mitteln, einem Säckchen voller Kastanien und Walnüssen, wird auf einem Rechendeckchen eine Zahl bildhaft und greifbar dargestellt und zwar so, dass alle vier Grundrechenarten nebeneinander von Anfang an eingeübt werden.

 

Schreiben
Die Buchstaben beschäftigen zuerst als Bilder die Phantasie. Der Buchstabe tritt als Figur aus einer Geschichte hervor und entwickelt nach und nach seine abstraktere Gestalt. So wird aus dem Turm eines Märchens allmählich ein "T" und aus dem züngelnden Feuer wird ein "F". Am Ende des ersten Schuljahres sollen die Kinder jeden Buchstaben seiner "Herkunft" nach kennengelernt haben.

 

Epochenunterricht
In einer Epoche von meistens drei bis vier Wochen wird es dem Kind ermöglicht, in ein Unterrichtsgebiet so tief einzutauchen, dass wirklich eine sichere Lernentwicklung stattfinden kann. Ziel dieser Unterrichtsform ist es, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, auf dem jeweiligen Gebiet etwas erreicht zu haben. Das "Wieder-Holen" der vorangegangenen Epoche nach einigen Wochen wirkt wohltuend wie die neue Erkenntnis eines überschlafenen Gedankens oder Erlebnisses.

 

Fremdsprachen
Die Tatsache, dass in unserer Waldorfschule bereits im ersten Schuljahr die beiden Fremdsprachen Englisch und Französisch unterrichtet werden, beruht auf der Erkenntnis, dass im Kind bis zum 9. Lebensjahr eine bemerkenswerte Nachahmungfähigkeit vorhanden ist, die ihm das Erlernen einer guten Aussprache ermöglicht. Die Begegnung mit den Fremdsprachen fördert zugleich einen bewußteren Umgang mit Worten, während die Worte der Muttersprache eher intuitiv benutzt werden.

 

Eurythmie
Eurythmie ist sichtbare Sprache und sichtbarer Gesang. Rezitation oder Musik sind ihre Grundlage. Man lebt sich in Laute und Töne ein und gestaltet sie zu eurythmischen Gebärden. Indem man die eigenen Bewegungen harmonisch mit den Bewegungen der anderen zusammenklingen lässt, lernt man außerdem gegenseitige Rücksichtnahme. Somit hat Eurythmie auch eine sozial "veredelnde" Funktion. In den Schulanfangsjahren kommt der Eurythmie die natürliche Liebe der Kinder zur Bewegung entgegen.

 

Malen
Zeichnen und Malen werden in der Waldorfschule so deutlich wie möglich unterschieden. Vorrangig ist anfangs das Kennenlernen der Farben. Motiv und Form stehen zunächst im Hintergrund. Allmählich werden die Farben zu einer Art Wesen mit ganz bestimmten Eigenschaften, die das Kind nachempfinden kann. Flüssige Wasserfarben auf feuchtem Papier bieten für diese Art Farbübungen die beste Voraussetzung. Im Formenzeichnen übt das Kind die ästhetische Gestaltung harmonischen Zeichnens.

 

Handarbeit
"Biegsame" Ideen und Gedanken sind unmittelbar verknüpft mit geschickten manuellen Fertigkeiten. Also wird die gestalterische Tätigkeit mit natürlichen Materialien wie Wolle, Holz, Ton, Wachs und Metallen vorrangig dazu eingesetzt, eine gesunde Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten zu begünstigen. Im ersten Schuljahr wird mit Wolle gearbeitet. Die Kinder formen mit Wolle Figuren, verarbeiten die Wolle zum Faden, den Faden durch Fingerhäkeln zur Kordel, um zuletzt den Faden zum Gewebe zu stricken.